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«Form follows Function» im Spitalneubau – Teil 2

Die klare Trennung der Flüsse garantiert, dass unterschiedliche Tätigkeiten nicht miteinander vermischt werden und sie sich gegenseitig stören. Verschwendung durch Wartezeiten und unnötige Bewegungen können dadurch verhindert werden. Dieses Gestaltungsprinzip nennen wir die „Trennung der Flüsse“. Im zweiten Teil der Blogserie präsentieren wir Ihnen, wie wir dieses Gestaltungsprinzip für das Projekt Neubau Kinderspital & Frauenklinik des LUKS (Luzerner Kantonsspital) umgesetzt haben. 

Trennung von Flüssen

Im Spital müssen verschiedene Flüsse der Medizin optimal aufeinander abgestimmt sein. Wir reden bei walkerproject jeweils von den neun Flüssen der Medizin (mehr Informationen können Sie der zweiten Auflage unseres „Lean Hospital“ Buches entnehmen). Mängel in der Abstimmung dieser Flüsse führen dazu, dass es zu einer hohen Komplexität der Abläufe im Spital kommt. Dadurch entsteht eine unkontrollierte Dynamik im Betrieb.

Eines der zentralen Ziele der Lean-Philosophie ist die Schaffung von fliessenden Prozessen. Die grösste Hürde bei der Implementierung fliessender Prozesse liegt bei der Standardisierung der Kommunikation, Schnittstellen und Tätigkeiten. Es braucht eine gemeinsame und übergreifende Taktgebung. Orientieren sich alle Flüsse der Medizin an diesem Takt, stehen Mitarbeitende, Materialien, Medikamente, Geräte und Informationen zur richtigen Zeit am richtigen Ort bei dem / der richtigen Patient:in zur Verfügung. Das reduziert Fehler, Nachfragen und Hektik.

Bei Spitalbauten ist es unser oberstes Ziel, eine Infrastruktur zu schaffen, die den Patientenprozess optimal unterstützt. Und damit auch die Arbeitsabläufe der Mitarbeitenden und alle weiteren Flüsse der Medizin optimal auf den Patienten und die Patientin auszurichten.

Die 9 Flüsse der Medizin (Walker, 2021)

Das Prinzip „On- / Off-Stage“

Der Patientenfluss wird, wo sinnvoll und möglich, vom Mitarbeiter- und Materialfluss getrennt. Die Organisation der Räume, welche entweder von Patient:innen oder dem Behandlungsteam genutzt werden, ist eine grundlegende Designfrage im Gesundheitswesen.

Mit  dem Prinzip des On- / Off-Stage Bereichs lassen sich die Patienten-, Mitarbeiter- und Materialflüsse sauber voneinander trennen. Beim On-Stage handelt es sich um Räume und Bereiche, in denen sich Patient:innen und deren Angehörige aufhalten, wie beispielsweise im Wartebereich oder im Untersuchungszimmer. Medizinisches Personal hat für sich die Off-Stage Bereiche, die nicht für Patient:innen zugänglich sind. Material für die Untersuchungszimmer werden über den Off-Stage Bereich in die Untersuchungszimmer geliefert. Die Untersuchungszimmer sind von zwei Seiten begehbar. Das Behandlungsteam betritt diese immer vom Off-Stage Bereich. Patient:innen gelangen von der anderen Seite in das Untersuchungszimmer. Dieses Prinzip unterstützt die Just-in-time-Lieferung von Patientenleistungen: den Patient:innen zum richtigen Zeitpunkt, die richtige Leistung zukommen zu lassen.

Die Vorteile des Prinzips «On-Stage / Off-Stage Bereich» sind kürzere Wartezeiten für Patient:innen, mehr Möglichkeiten der Zusammenarbeit für die Behandlungsteams und kürzere Wege zu den Untersuchungsräumen. Diese Erleichterungen tragen dazu bei, dass die Behandlungsteams mehr Zeit mit den Patient:innen verbringen können. Der On-Stage / Off-Stage-Designansatz für die Gestaltung ambulanter Einrichtungen kann eine effiziente und angenehme Patientenerfahrung bieten und gleichzeitig Räume für das klinische Personal bereitstellen, in welchen sie fokussiert arbeiten, sich austauschen und erholen können.

Prinzip «On- / Off-Stage Bereich» (walkerproject ag, 2017)

Umgesetzter On- / Off-Stage Bereich im Ambulatorium

Im Ambulatorium des Neubau Kinderspital / Frauenklinik des LUKS sind fast alle Untersuchungszimmer zweiseitig zugänglich. Aus dem Off-Stage Bereich kommen die Mitarbeitenden, vom On-Stage Bereich kommen die Patient:innen und Angehörigen. Der Off-Stage Bereich ist eine interprofessionell genutzte Fläche mit Arbeitsplätzen für unterschiedliche Bedürfnisse und der Möglichkeit, sich intern abzustimmen. Darüber hinaus bietet der Off-Stage Bereich Platz für Material, mobile Wägen und Geräte. Die Untersuchungszimmer haben einen Durchreicheschrank für das standardisierte Material, welcher von der Logistik aus dem Off-Stage Bereich befüllt wird. Spezialmaterial ist auf mobilen Wägen oder in Sets an einem zentralen Ort gelagert und kann bei Bedarf geholt werden.

Ein grosser Gewinn für das Behandlungsteam war der grösstenteils durchgängige Off-Stage Bereich mit Tageslicht. Das fördert unter anderem die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Ambulatorium des Neubau Kinderspital / Frauenklinik des LUKS.

Umgesetze Trennung von Flüssen im OP

Im Operationssaal (OPS) gibt es ebenfalls mehrere Flüsse der Medizin, wie die Patienten-, Mitarbeiter- und Materialflüsse. Eine Trennung dieser Flüsse erfolgt durch unterschiedliche Zugänge zum OPS und den Vor- und Nachbereitungsräumen. Besonders beim den Patientenflüssen gilt es zu beachten, dass diese unidirektional verlaufen, d.h. dass sich der Fluss der Patient:innen immer in eine Richtung ausrichtet und jeder Schritt koordiniert ist.

Um einen reibungslosen Prozessablauf im OPS zu erreichen, muss eine Trennung der verschiedenen Flüsse erzielt werden, in dem sich Patienten-, Mitarbeiter- und Materialfluss so wenig wie möglich kreuzen. Die zentrale Leitstelle, ein separater Raum auf Höhe der OP-Säle, hat den Überblick über die verschiedenen Flüsse und koordiniert diese.

Patient:innen: Eintritte erfolgen zentral über den Empfang der Holding Area. Dabei handelt es sich um einen Bereich, in dem Patient:innen für den Eingriff vorbereitet oder im Anschluss an die OP versorgt werden. Von dort geht es über die Einleitung in den OP und anschliessend in die Ausleitung und den Aufwachraum. Stationäre Patient:innen treten über den Aufwachraum aus. Ambulante Patient:innen treten wieder über die Holding Area aus. Das gewährleistet einen kontinuierlichen und unidirektionalen Patientenfluss.

Mitarbeiter:innen: Mittig zwischen OPS und Geburtssaal (Gebs) befinden sich die Personalschleusen. Hier wurde darauf geachtet, dass das Personal von dort Zugang zur Misch- und Sterilzone sowie zur Gebs-Seite hat.

Material: Die architektonische Anordnung der Ver- und Entsorgung erlaubt einen unidirektionalen Materialfluss, ähnlich wie beim On- / Off-Stage Bereich. Sauberes Material kommt über die Versorgungsschleuse in das Steri-Lager. Von dort werden die Fallwägen beladen und in den OP-Saal gebracht. Anschliessend geht das unreine Material auf der anderen Raumseite über die Verkehrsfläche aus dem OP hinaus in den Entsorgungsraum. Von dort wird das zu entsorgende Material abgeholt und mit dem Lift weggebracht.

 

In Zusammenarbeit mit dem Luzerner Kantonsspital

 

Hier geht es zum ersten Teil der Blog-Serie!

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