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30 Jahre in der Beratung von Gesundheitsorganisationen – Das bewegt mich  

Am 26. Juni 1992 wurde die walkerproject ag in Schwellbrunn AR gegründet. Dieses Jahr schauen wir auf 30 Jahre Erfolgsgeschichte zurück. Passend zum Jubiläum haben wir Daniel gefragt, was ihn in den letzten 30 Jahren bewegt hat. Jede Woche kommt ein neuer Blogpost dazu.

  1. Gehen Sie zur Seite, ich bin Arzt …  
    Ein befreundeter Arzt erzählte mir diese Geschichte. Reto hatte eben seinen Facharzttitel in Anästhesie erworben, als er zu einem Verkehrsunfall mit einem schwer verletzten Patienten stiess. Er nahm seinen Arztkoffer aus dem Auto und begann mit lebenserhaltenden Massnahmen. Es war genau die Situation, von der er als junger Arzt geträumt hatte. Zweimal wurde Reto von Männern um die fünfzig unterbrochen mit der Aufforderung: „gehen sie zur Seite, ich bin Arzt.“ Arzt zu sein bringt einen Hauch von Heldentum mit sich. Ich erinnere mich: einen Pager der Rettungsflugwacht zu haben steigerte das Prestige. Haben sie schon mal ein Menschenleben gerettet, fragte mich ein Oberarzt, als es eigentlich um etwas ganz anderes ging. Ja, ich habe, aber das tat nichts zur Sache. Eigentlich ging es um ein Redeverbot. Mitdiskutieren durfte seiner Meinung nach nur, wer Arzt war und  in der Vergangenheit bereits Menschenleben gerettet hatte. Das ist die heroische Medizin. Sie hat ihre Berechtigung, bleibt aber die Ausnahme. Die moderne Medizin ist eine Teamleistung und das geht nur, indem man aufeinander hört. Die Kultur in den Krankenhäusern entwickelt sich in Richtung Dialog auf Augenhöhe. Spezialisierte und hochspezialisierte Medizin benötigen eine Systemumgebung, die Patientinnen und Patienten in den Vordergrund stellen und zu diesem Zweck das Wissen und Können verschiedener Berufsgruppen integrieren. Am Ende ist es ein abgestimmtes Zusammenwirken von Expertise, Technologien, Prozessen, Geräten, Materialien, Medikamenten, Informationen und Sicherheitsprotokollen. Das geht alleine nicht.
  2. Der Berater als Patient
    Was geschieht eigentlich, wenn der Lean Hospital Berater ausgerechnet in der Klinik zum Patienten wird, wo er vor wenigen Wochen ein Projekt abgeschlossen hat? Am 1. September ist genau das mit mir geschehen. Nach einem Anlass in Zürich war ich mit dem Motorrad unterwegs nach Visp. Um 7:00 Uhr sollte ich im Spitalzentrum Oberwallis ein Interview mit der stellvertretenden Leiterin des Notfallzentrums führen. Ich war um 7:00 Uhr dort, allerdings als Patient. Was war passiert? Kurz nach Mitternacht, ich war beinahe am Ziel, nur noch 20 Minuten Fahrzeit lagen vor mir. Eine Hirschkuh sprang direkt vor mein Motorrad. Ich war mit 80 km/h unterwegs, kollidierte mit dem armen Tier und machte den Abflug. Im Fachjargon ist das ein Hochgeschwindigkeitstrauma. Meine Airbag Jacke löste aus. Die Verletzungen waren auf den ersten Blick marginal. Von Schmerzen spürte ich nichts, mit viel Adrenalin im Blut stand ich auf und begann nach der Hirschkuh zu sehen und Trümmerteile wegzuräumen. Es war dann doch mehr, einiges mehr nicht okay mit mir.Was ich in den Stunden und Tagen nach diesem Unfall erlebte war phänomenal. Ich hätte mir nie gedacht, auf so viele Menschen zu treffen, die in Ihrem Beruf alles geben. Im Spitalzentrum Oberwallis erlebte ich eine schier unglaubliche Behandlung. Besonders beeindruckt haben mich die Empathie in der Patientenkommunikation, der vorbildliche Einbezug in die Entscheidungsfindung, das offene Ansprechen von Risiken, das Vorgehen nach Best Practices, die Einhaltung von Standards, die Visualisierung des Geschehens am Patientenboard, die Zuverlässigkeit, die Teamkultur und der Patientenfluss (kein Warten). Ich fühlte mich jederzeit sicher und professionell betreut. Viele Dinge, die ich als Patient erleben durfte, hatten wir in den Monaten zuvor im Projektteam besprochen und Lösungen entwickelt, die augenscheinlich in der Praxis funktionieren. Das hat mich bei allem Leiden unglaublich glücklich gemacht. Thomas Hopfe, der Verlagsleiter der medizinisch-wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft Berlin, meinte kürzlich: Sie gehören zu den Guten. Er meinte damit, wir gehören zu denen, die Gutes für Patientinnen und Patienten, aber genauso für Pflegekräfte und die Ärzteschaft tun. Mein Aufenthalt im Spitalzentrum Oberwallis hat seine Einschätzung bestätigt. Das ist der Grund, weshalb ich meinen Beruf über alles liebe.
    Ein grosses Dankeschön an das Team in Visp, allen voran Thomas Beck, Jennifer Rudolph, Michèle Julen, Franz Ruff, Cristian Negoescu und Arlette Imboden. Ein Kompliment an Hugo Burgener, Kilian Ambord und Reinhard Zenhäusern, welche die Lean Initiative am Spitalzentrum Oberwallis vorantreiben.
  3. Der Arzt der Zukunft ist eine Frau
    Wenn man in die Hörsäle der medizinischen Fakultäten reinblickt, präsentiert sich ein klares Bild. Die deutliche Mehrheit sind Frauen, je nach Fachrichtung bis zu 90 Prozent. Selbst Männerdomänen, wie die Chirurgie, werden allmählich von Frauen übernommen. Kulturell ändert dadurch vieles. Generell legen Ärztinnen viel Wert auf Teamwork, schätzen einen guten Teamgeist und wissen, dass moderne Medizin eine Teamleistung ist. In der Vergangenheit war die Pflege weiblich und die Ärzteschaft männlich. Es wurde eine klare Hierarchie von ausführender Pflege und anordnender Ärzteschaft gelebt. Die Meinung der Pflege war nicht gefragt. Die Pflege zu integrieren hat viele Vorteile. Es verbessert den Informationsfluss und schafft Sicherheit für Patientinnen und Patienten.
    Junge Ärztinnen sind nicht mehr bereit, auf Familie zu verzichten. Gleichzeitig sind sie nicht weniger ehrgeizig als ihre männlichen Kollegen. Ärztinnen wollen gut sein in ihrem Fach. Das sind sie ihren Patienten schuldig. Die jungen Ärzte finden das gut, es entspricht dem gesellschaftlichen Wandel. Ärzte mit Jahrgang 1960 und älter reagieren zum Teil verunsichert. Sie waren sich gewohnt, dem Arztberuf alles unterzuordnen. Auf einmal heisst es „Work-Life-Balance“. Sie empfinden das als Verrat an ihrer Mission und machen Sprüche darüber. Man rettet Menschenleben 24/7. Nur im privaten Kreis wird über den Preis gesprochen, den die heroische Medizin mit sich brachte: Entfremdung von den eigenen Kindern, oftmals Scheidung, Erschöpfungszustände, Depressionen, Rettung in die Pensionierung, Gefühle des Verlassen seins, Zynismus und Einsamkeit. Es ist eine Zeit des Wandels und das ist gut so.
  4. So kommt der Tod…
    Sagt Franz, macht eine Pause und fährt damit fort, meinen Arm zu gipsen. «Der Tod kommt unvermittelt. Er ist da, wenn man nicht damit rechnet» fährt er fort. Franz weiss, wovon er spricht. Seit über drei Jahrzehnten arbeitet er in Notfallzentren. Im Dezember geht er in den Ruhestand. Natürlich spricht Franz nicht mit jedem Patienten so. Wir reden unter Freunden. Vor etwa fünf Jahren haben wir zusammen ein Projekt gemacht, er als Leiter der Notfallpflege, ich als externer Berater für das Management von Notfallzentren. Seither kennen wir uns. Franz hat viel gesehen, unzähligen Menschen geholfen, aber auch Menschen sterben sehen. In Notfallzentren weiss man nie, was einen heute erwartet. Franz und seine Kolleginnen und Kollegen erleben manchmal Dinge, die schwer zu ertragen sind, zum Beispiel wenn ein Kind stirbt. Dazu gibt es Untersuchungen und die lassen aufhorchen. Es ist nicht etwa so, dass das einfach an einem vorbei geht. Solche Ereignisse sind belastend und rund ein Fünftel erfahren Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung. Oftmals bleiben diese unbehandelt. Ich erinnere mich an eine Beobachtung vor zwei Wochen. Der Rettungswagen bringt einen Patienten in den Schockraum. Er hat versucht, sich selbst umzubringen. Es ist kein schöner Anblick. Nach einiger Zeit wird der Entscheid gefällt, die Maschinen abzustellen. Der Tod tritt sofort ein. Alle gehen auseinander. Es ist eine normale menschliche Reaktion aus einer solchen Situation die Flucht zu ergreifen. Es gibt noch viele Patientinnen und Patienten, die versorgt werden müssen. Doch ich frage mich: Hat jemand aus dem Team Schuldgefühle? Wer wird die Szenen der letzten halben Stunde vor seinem geistigen Auge nochmals erleben, vielleicht vor dem Einschlafen? Haben wir als Team alles richtig gemacht? Denkt jemand aus dem Team, das war jetzt nicht gut, was du da gemacht hast? Ein Debriefing von wenigen Minuten würde allen Beteiligten helfen und sie vor Burnout schützen. Eine kanadische Studie zeigte, dass bei einem unerwarteten Todesfall im OP nur in 14% aller Fälle ein Debriefing mit dem Team durchgeführt wurde. Die Debriefing Methoden sind einfach und der Zeitbedarf bescheiden. Die amerikanische Armee beispielsweise nutzt den After Action Review mit folgenden fünf Elementen: 1. Was wollten wir mit der Intervention erreichen? 2. Was ist passiert? 3. Was hat gut funktioniert und weshalb? 4. Was kann verbessert werden und wie? 5. Was sind die nächsten Schritte? Für gut eingespielte Teams beträgt der Zeitbedarf 10 Minuten. Die Zeit ist gut investiert, denn die psychische und physische Unversehrtheit der Mitarbeitenden ist eine Priorität. Ergänzend dazu braucht es Hilfsangebote, die jederzeit abgerufen werden können. Das Gesundheitswesen ist auf gesunde Mitarbeitende angewiesen. Auf ihren Schultern lastet eine grosse Verantwortung.
  5. Schlechte Entscheidungen
    Menschen treffen andauernd schlechte Entscheidungen, mich nicht ausgenommen. Nach einem schweren Unfall habe ich nicht etwa die Unfallstelle gesichert, sondern zuerst nach der toten Hirschkuh gesehen und nachher Trümmerteile auf der Gegenfahrbahn weggeräumt. Dabei hatte man mir mal eingetrichtert, zuerst die Unfallstelle zu sichern. Aber im Schock macht man Dinge, die im Nachhinein unverständlich sind. Es hätte für mich übel enden können. Ich war nicht fähig, gute Entscheidungen zu treffen.
    Ins nächstgelegene Spital zu gehen, kann eine schlechte Entscheidung sein. Die Annahme ist, die Qualität sei dort gut, wie überall. Was viele nicht wissen: die Unterschiede zwischen den Krankenhäusern sind beeindruckend, je nach Krankheitsbild grösser oder kleiner. Inzwischen fragen viele nach Fallzahlen, bevor sie sich für eine Behandlung entscheiden. Das ist ein Anfang. Doch wie wäre es mit einer Information wie dieser: Wir empfehlen ihnen, Ihr Kniegelenk nicht im nächstgelegenen Krankenhaus operieren zu lassen. Es gibt fünf andere Krankenhäuser in ihrer Region, die besser abschneiden. Hier ist die Rangliste. Dort würde man weitere Details sehen und erfahren: das Risiko, dass sie ein zweites Mal operiert werden müssen, ist im nächstgelegenen Krankenhaus fünfmal höher als im besten. In der Hälfte aller Fälle führt dies dazu, dass sie sich für den Rest ihres Lebens nicht mehr schmerzfrei bewegen können. Ich denke, so würden es alle verstehen.
    Studien weisen darauf hin, dass die Entscheidungen von Patient: innen selten auf Fakten beruhen. Sie nehmen an, die Qualität würde überall dieselbe sein. Ein Grund: die Branche geniesst einen guten Ruf. In Deutschland, der Schweiz und Österreich sind weite Teile der Bevölkerung überzeugt, ihr Land hätte das beste Gesundheitssystem der Welt. Es ist keineswegs so, dass die medizinische Qualität in Deutschland, Österreich oder der Schweiz durchwegs besser ist als anderswo in Europa. Die Aussicht, einen Herzinfarkt zu überleben, ist in den Niederlanden oder in Island mehr als doppelt so gut wie in Deutschland. Leider hilft einem dieses Wissen in der akuten Situation nichts. Es gibt Informationen zur Qualität von Krankenhäusern, aber sie sind schwer zugänglich und für Laien oft unverständlich. Wie wäre es mit einer solchen Mitteilung: Die Symptome ihres Mannes deuten auf einen Schlaganfall hin. Rufen sie einen Rettungswagen und weisen sie diesen an, ins Klinikum X zu fahren. Die Aussicht, dass ihr Mann seine Lebensqualität wieder voll zurückerhalten wird, ist dort am besten. Wenn das keine Entscheidungsgrundlage ist.

Lesen Sie nächste Woche zu einem weiteren Learning von mir.

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